Man spricht Deutsch            

        

 

                     

Gilching – Es ist dreiviertel Zehn, die erste Pause ist vorbei. Die Schüler der Mittelschule Gilching strömen zurück in ihre Klassenzimmer. Auch die 5Ü füllt sich langsam, 16 Schüler im Alter von 12 bis 18 Jahre betreten den in bunten Farben gestrichenen Raum. Sie kommen aus verschiedenen Ländern und haben unterschiedliche Schulbildung.

Ihre Gemeinsamkeit ist: Sie können zu wenig Deutsch für die regulären Klassen. Jetzt sind sie in der einzigen Übergangsklasse des Landkreises Starnberg zusammengefasst, ihre Klasslehrerin ist Rektorin Gisela Barta, die die Kinder "fit" machen will für einen ordentlichen schulischen Abschluss und eine gute Ausbildung.

Heute ist Einkaufen auf dem Markt Thema.                                                                                                                                                             Amira, die Jüngste von vier Geschwistern, darf mit dem Vortragen der Hausaufgabe beginnen. „Gestern ich und meine Cousine sind auf Markt. Ich sehe Tomaten, viel Obst, Ananas und Erdnüsse und kauf ein Kilo Bananen“, liest sie vor. Amira ist zwölf Jahre alt, Kurdin aus dem Irak. Das Lob der Lehrerin tut ihr gut.                                                                                                                                                                        Neben Arabisch sprechen die vier Kurdisch und etwas Englisch und lernen nun jeden Tag mindestens vier Stunden Deutsch, Mathematik und Sachkunde. Für Sport, Kunst und Handarbeiten geht Amira in die Parallelklasse.

„Ich versuche seit drei Jahren eine Übergangsklasse einzurichten und bin richtig froh, dass es heuer geklappt hat“, sagt die Rektorin. Sie bringt beste Erfahrungen aus München mit: „Die Schüler sind so motiviert und glücklich, dass sie hier ganz gezielt gefördert werden.“ Und Gisela Barta kennt sich im Lernen von Fremdsprachen aus, ihr Mann ist Ägypter. Dadurch hat sie einen guten Zugang zur muslimischen und arabischen Welt, spricht etwas arabisch. Zudem kann sie Tschechisch so gut wie Englisch, versteht polnisch und russisch und findet sich in den romanischen Sprachen zurecht. Das hilft, denn zur Not kann sie sich mal mit einer Vokabel behelfen.

Jetzt ist Suleymane aus Sierra Leone an der Reihe. Er ist nach eigenen Angaben 17 Jahre alt und sehr wissbegierig. Er wohnt in einem Dorf bei Tutzing und fährt jeden Tag mit Bus, S-Bahn und zweimal umsteigen zur Schule. Weil einige Schüler ziemlich weite Schulwege haben, beginnt der Unterricht erst um 8.45 Uhr. „Ich will nicht, dass sie früh um sechs allein auf einem dunklen Bahnhof stehen“, sagt Barta. Und vier, fünf Stunden konzentriert in einer Fremdsprache zu arbeiten, das reicht. „Mein Ziel ist, einige von ihnen so weit zu bringen, dass sie in den M-Zweig wechseln können.“ Sie sollen alle fit genug werden, um eine Ausbildung zu machen.

Mindestens genau so wichtig ist der Kontakt zu den deutschen Schülern: beim Sport und Fußball, beim Basteln und Musizieren. Bei der Weihnachtsfeier haben sich die Schüler, die ein Instrument spielen, beteiligt. Es ist spannend zu beobachten, wie sich Sozialkontakte entwickeln.

Dominik Auer, Lehrer für Englisch und Sport,  holt die älteren Schüler zum Differenzierungsunterricht, schließlich sollen sie ihr Englisch nicht vernachlässigen.
Für die übrigen heißt es wieder deutsch üben und ins Vokabelheft schreiben. Begriffe wie süß, frisch, sparsam oder grün wollen fehlerfrei geschrieben, gelesen und verstanden werden. Zur Not hilft hier das Wörterbuch. Die Einkäufe müssen auch bezahlt werden – also wird gerechnet.

Hier zeigen sich erneut die Tücken der anderen Schrift, doch zugleich auch das Potenzial der Schüler. Timi aus Russland schreibt kyrillisch, Delbar kurdisch, Mohammad  aus Syrien hat es geschafft, in knapp drei Monaten deutsch schreiben zu lernen. Und Sebi aus Rumänien hat sich online Englisch beigebracht.

Doch immer nur büffeln ist nicht gut. Jetzt darf gespielt werden. Die Hälfte der Buben schreit „Schach“! Da es nur ein Spielbrett gibt, dürfen die Mädchen zuerst Dame spielen, danach Schach. Und in der Zwischenzeit vertiefen sich die Jungs in Kartenspiele.

„Machen Sie das mal in einer regulären Klasse mit 13 bis15 Jährigen“, sagt die Rektorin und klingt ziemlich stolz.

Quelle: Verlag Süddeutsche Zeitung  -  Datum: Samstag, den 21. Dezember 2013

 

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